Rob Quichotte's Blog
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Cooler Auftritt im Low Budget
Hehe, war gestern ein cooler Auftritt im Low Budget in Köln. Übrigens mein zweiter nach dem Auftritt 2005 in Amsterdam. Zwei Songs, beide abgelesen, den ersten trotzdem vermasselt, dafür war der zweite umso toller.
Peace, Rob
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Verbrennt Schwule wie Autoreifen! Warum Homophobie und Reggae nicht automatisch zusammengehören
Current mood:
mellowVerbrennt Schwule wie Autoreifen!
Über das Missverständnis, dass Schwulenfeindlichkeit und Reggae nicht zu trennen seien
"Ich sage: Bang, Bang! In einen Schwulenkopf! Harte Männer wollen keine ekligen Männer! Sie müssen sterben, bang, bang! Mit mir läuft das nicht! Wenn mir ein Mann zu nah kommt, muss seine Haut dran glauben. Verbrennt ihn richtig wie einen alten Autoreifen!"
Das ist ein Aufruf zur Gewalt. Ganz klar? So einfach, wie es klingt, ist es nicht. Denn im Original hört es sich so an: "Me Say Boom bye bye / Inna batty bwoy head / Rude bwoy no promote the nasty man / Dem haffi dead /[…] Dis is not a deal / Guy come near we / Then his skin must peel / Burn him up bad like an old tire wheel".
Der Reggae-Sänger Buju Banton schrieb den Song "Boom Bye Bye" 1992. In seinem Heimatland Jamaika verstanden alle, was gemeint war: Das ist ein Song gegen Schwule und Lesben. Solche Songs sind dort alltäglich, genauso wie die reale Gewalt auf den Straßen gegen Homosexuelle.
Erst als sich langsam auch westlichen Hörern der Inhalt erschloss, gab es Ärger. Schwulenverbände sorgten für Auftrittsverbote von Reggae-Sängern, die solche schwulenfeindlichen Texte schrieben. Linke Soundsysteme - eine Art DJ-Gruppe - legten solche Stücke auf ihren Parties nicht mehr auf. Andere Reggae-Fans, welche meinten, im Einklang mit der Insel-Philosophie zu leben, empörten sich ob dieser Zensur. Sie argumentieren wie der Reggae-Journalist Ulli Güldner in der Zeitschrift riddim: "Was nicht anderes bedeutet, als dass Batty Boys, Sodomites und Bow Cats(1) zu den Schmeißfliegen des Shitstems zu zählen sind, somit einen tragenden Pfeiler des ganzen Babylon-Komplexes(2) bilden."
Genauso wie das biblische Babylon brennen soll, sollen auch die Schwulen als Stützpfeiler des Systems in Flammen aufgehen. Natürlich rein bildlich gesprochen, es soll ja keinen juristischen Ärger geben.
Vielleicht fängt hier das Missverständnis an. Schwule als Stützpfeiler unseres Systems? Fragt die ca. viertausend schwulen und lesbischen Ehepaare, deren Ehe in Kalifornien 2004 für nichtig erklärt wurde, ob sie George W. Bush wählen werden. Fragt in einer Schwulengruppe in Bayern, ob sie dort Edmund Stoiber ihre Stimme geben werden. Einige sicher, denn das Schwulsein ändert nichts an der politischen Einstellung. Was diese Einstellung ändert, ist Diskriminierung und Benachteiligung.
Manchmal werden Schwule aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert. Ebenso wie andere Bevölkerungsgruppen wegen ihnen eigener Merkmale. "Aber das darf doch nicht wahr sein, das in den gleichen Topf zu werfen", rufen jetzt die Hardcore-Reggae-Fans und verteidigen die Hasstiraden. Wieder Ulli Güldner: "Wir sollten uns auch in Deutschland vor dem dumm-dreisten Geschwätz von Leuten verwahren, die Homophobie und Rassismus in der Skala der Übel auf ein & dieselbe Stufe stellen und fordern, dass, wer das eine bekämpft, dieselben Geschütze auch gegen das andere zu richten hat. Weil, so die gängige Logik, Schwarze und Schwule ja gleichermaßen Opfer von Diskriminierung sind und der eine für seine Farbe genau so wenig kann wie der andere für seine Sexualität. Lord Have Mercy! Anscheinend wussten weiße Mittelklassekinder schon immer am besten, dass es Schwarzen zwar nicht so gut geht, aber eben auch nicht schlechter als anderen, weil gegen sie ja auch nur diskriminiert wird - genau wie gegen Homosexuelle, gegen Frauen, gegen jüdische Bürger und viele andere mehr." Soll heißen: Sind wir alle dumm, die sich gegen Schwulenfeindlichkeit engagieren.
Denn es wird der künstliche Unterschied aufgebaut, ob ein diskriminierendes Merkmal erblich (wie das Geschlecht) sei oder auch vom Verhalten abhänge (wie die Sexualität). Wäre es dann okay, Vegetarier zu diskriminieren? Sie haben es sich ja selbst ausgesucht? Ist Marius-Müller Westernhagen ein Gewichist, weil er "Dicke" verspottet?
Wenn Unterschiede benutzt werden, um sie mit Etiketten wie "gut" und "böse" zu vergleichen, ist eine Linie zu ziehen. Unterstütze ich die Trennung in "gute Atomkraftgegner" und "böse AKW-Betreiber" oder in "gute Hausbesitzer" und "böse Hausbesetzer"? Oder in "gute Heteros" und "böse Schwule"? Die Antwort muss jeder für sich selbst finden. Deswegen ist es okay, wenn es Konzertveranstalter nicht mit sich vereinbaren können, Buju Banton auftreten zu lassen, wie im August 2004 im Berliner Kesselhaus geschehen. Der H20-Club erbarmte sich des Jamaikaners und ließ ihn bei sich spielen. Das ist auch okay. Ich muss ja nicht hingehen.
Aber zurück zum Missverständnis. Warum sollten Schwule und Lesben Stützpfeiler des Systems sein? Eher der Hass, die Verherrlichung von Gewalt, die in einigen Songtexten transportiert wird, trägt dazu bei, die Ausbeuter an der Macht zu halten. Peter Tosh nannte sie 1977 im gleichnamigen Song "Drownpressor Man". Hass und Gewalt sind die Sprachen, die Unterdrücker am besten beherrschen.
Der Reggae-DJ Capleton betitelte einen Song "Divide And Rule". Denn das "Teilen und Herrschen", das "gegeneinander Aufzuhetzen von Minderheiten" zementiert die gesellschaftlichen Verhältnisse eher als das Einstehen für gleiche Rechte. So ist es kein Wunder, dass die einst emanzipatorische Forderung eines "Rechts auf Differenz" längst ins Gegenteil umgeschlagen ist. Stellvertretend für den gewaltverherrlichenden US-Gangsta-Rap wurde diese Debatte schon Anfang der 90er Jahre von Diedrich Diederichsen und Günther Jacob in der Spex geführt: Sind Ghetto-Texte als Ausdruck einer anderen Lebenserfahrung zu akzeptieren oder hilft das eigenmächtige Konstruieren von Selbstzuschreibungen nur den Bewahrern des Status Quo?
Die Idee der oben erwähnten "Skala der Übel" sollte deshalb schnell wieder vergessen werden. Warum sollte man sich nicht gegen Schwulenhass engagieren, nur weil Weiße in Jamaika noch stärker diskriminiert werden? Denn diese Idee zu Ende gedacht würde das Ende aller "Tempo 30"-Bürgerinitiativen und Antifa-Gruppen bedeuten, solange es noch die globale Erwärmung und keinen Weltfrieden gibt.
Die Befürworter der hasserfüllten Anti-Schwulen-Songs sagen, dass die Kritiker den kulturellen Standpunkt der Sänger nicht verstehen würden. Wenn deren Rastafarismus-Religion die Bibel so auslegt, warum sollten sie darüber nicht singen dürfen? Doch, können sie ja, aber dann müssen sie auch die Konsequenzen tragen. In Europa oder Nordamerika kann das schon mal ein Konzertboykott sein.
Wenn selbst deutsche Reggae-Sänger auf den Anti-Schwulen-Zug aufspringen, um möglichst authentisch zu klingen, hört sich das so an: "Hey, hey, hey, was geht denn bei euch in Berlin / wo hunderttausende Schwuchteln durch die Straßen zieh'n / Das Parlament aufsteht und jubelt / weil der Bürgermeister arschfickt / seid ihr alle schwul dahinten und ernährt euch von Urin".
Das ist das zweite Missverständnis. "Dann hört doch keinen Reggae mehr, ihr kiffenden Hippies", ereifern sich die Bewahrer jamaikanischer Kultur. Als ob Reggae losgelöst von Hasstiraden nicht mehr funktionieren würde. Reggae ist nicht nur Rastafarismus, Reggae ist auch Offbeat. Die Musik kann vom Inhalt losgelöst werden, sich der Kultur anpassen, in der Reggae-Künstler leben.
Deshalb singt der Kölner Nikitaman gegen Nazis, der Berliner Ganjaman über Gott, Raggabund gegen das Militär und der Berliner Dani*L über den Überwachungsstaat. Reggae muss nicht schwulenfeindlich sein, um "echt" zu sein. Genauso wie nationalistischer oder Gangsta-HipHop immer noch HipHop ist, ist auch linker und deutschsprachiger Reggae trotzdem Reggae. Das Beharren auf alten Inhalten führt unweigerlich zum Stillstand.
Schon Erich Fried erkannte aber: "Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt".
Robert Kneschke
(gekürzt unter dem Titel "Skaliertes Übel" abgedruckt in: Junge Welt, 18.09.2004)
Fußnoten:
(1) = "Batty Boys, Sodomites und Bow Cats" sind jamaikanische Schimpfwörter für Schwule.
(2) = das westliche, vernichtenswerte, böse System, wirtschaftlich, kulturell und - ganz wichtig - spirituell
